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Reutter, Georg derÄltere - Richter, Staatsorgane (3/25)
Reutter, Georg derJüngere Revolutionäre Sozialisten

Revolution 1848


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Revolution 1848: Die Barrikade auf dem Michaelerplatz in der Nacht vom 26. auf den 27. Mai 1848. Gemälde von A. Ziegler, 1848 (Historisches Museum der Stadt Wien).



Revolution 1848: Österreichs innenpolitische Verhältnisse litten ab 1815 unter dem starren Konservativismus Metternichs ("System Metternich"), der den monarchischen Absolutismus verteidigte und liberale und nationale Bestrebungen mit hartem Polizeiregiment und strenger Zensur bekämpfte. Die Staatsfinanzen waren durch die Napoleonischen Kriege erschüttert, die Regierung befand sich, besonders unter Ferdinand I., für den eine meist uneinige "Geheime Staatskonferenz" die Entscheidungen traf, in ständiger Krise. Das weitgehend entpolitisierte Bürgertum des Biedermeier fügte sich in die Situation; in der kritischen Literatur des Vormärz überwog die Resignation (F. Grillparzer, A. Grün, E. Bauernfeld, J. Nestroy, M. Hartmann, S. Brunner, S. Frankl). Die Auswirkungen der französischen Julirevolution 1830 berührten Österreich kaum. Erst nach 1840 begann Metternichs Einfluss zu schwinden.

Die soziale Lage der Bauern, kleinen Handwerker und der entstehenden Industriearbeiterschaft war sehr schwierig. Der Arbeitslohn (bei durchschnittlich 14-stündigem Arbeitstag) war gering, Kinderarbeit weit verbreitet. Die rasch, aber unorganisch durchgeführte Mechanisierung verursachte Massenarbeitslosigkeit und Hungerdemonstrationen. Der Bauernstand war trotz des Untertanenpatents von Joseph II. (1781) durch Zehent und Robot schwer belastet; in Galizien kam es bereits 1846 zu einem blutigen Bauernaufstand.

Unzufrieden waren auch das liberale Bürgertum und die Intelligenz, vor allem die Studenten, die gemeinsam mit Buchhändlern, Druckern und Schriftsetzern die eigentlichen Vorkämpfer der bürgerlichen Revolution wurden. Ihre Hauptforderungen waren mehr politischer als sozialer Natur: Sie forderten nie den Sturz der Monarchie, sondern nur die Beseitigung des Absolutismus.

Dazu kam der zunehmende Nationalismus. In den Aufständen von 1848 gingen die Forderungen der Italiener und der Ungarn bis zum Sturz des Hauses Habsburg und zur Errichtung selbständiger Nationalstaaten; die Polen dachten ähnlich.

Angesichts der Forderung nach einer demokratischen Verfassung war die Erschütterung durch die französische Februarrevolution 1848 in Österreich besonders stark. Schon am 1. und 2. Jänner war es in den italienischen Provinzen zu blutigen Ausschreitungen gekommen ("Zigarrenrummel"), und Österreich verhängte in der Lombardei den Kriegszustand. Am 3. 3. hielt L. Kossuth, Führer der ungarischen Opposition, im ungarischen Reichstag in Preßburg die "Taufrede der österreichischen Revolution", in der er für Ungarn eine moderne Verfassung forderte. Am 13. 3. brach in Wien die Märzrevolution aus, die den Sturz Metternichs erzwang. In Oberösterreich, Steiermark, Tirol und Mähren entwickelten die Landtage eine lebhafte Tätigkeit; neue Gemeindeordnungen und die Ablösung der Grundlasten waren die wichtigsten Punkte; darüber hinaus blieb die Revolution im deutschsprachigen Österreich vor allem auf Wien beschränkt. Einzig in der Steiermark meldeten sich radikale Elemente zu Wort, und im Oktober erhielt Wien aus diesen Kreisen etwas Verstärkung.

Am 17. und 18. 3. begannen, unterstützt von Sardinien, Aufstände in Venedig und Mailand, das von J. W. Radetzky geräumt wurde. In Wien traten an die Stelle der Staatskonferenz ein Provisorisches Staatsministerium unter Vorsitz von F. A. Kolowrat-Liebsteinsky und an die Stelle der Hofämter Ministerien. Am 25. 4. wurde die Pillersdorfsche Verfassung erlassen, die aber auf heftige Kritik stieß. Am 23. 3. hatte Ungarn ein liberales Ministerium, am 11. 4. eine eigene Verfassung erhalten. Die auf einem besonderen "Böhmischen Staatsrecht" beruhenden Forderungen tschechischer und adeliger Kreise wurden jedoch nur teilweise bewilligt. Am 26. 4. wurde in Krakau ein polnischer Aufstand unterdrückt. Nach dem Sieg Radetzkys bei Santa Lucia (6. 5.) im Sardinischen Krieg wurde auch in Italien die österreichische Hoheit wiederhergestellt. In diesen Tagen erhoben sich Slowaken, Rumänen und Banater Serben gegen die zentralistischen Tendenzen der ungarischen Regierung.

Das deutschsprachige Bürgertum sah seine Stellung durch die Freiheitsbestrebungen der anderen Nationen gefährdet, begrüßte daher die Siege der kaiserlichen Armee und suchte Rückhalt in Deutschland, das ebenfalls eine bürgerliche Revolution erlebte (Frankfurter Nationalversammlung). So kämpften die deutschsprachigen Österreicher in der Revolution unter großdeutschen Losungen und schwarzrotgoldenen Fahnen, dem Symbol sowohl der deutschen Einheit als auch von Freiheit und Fortschritt.

Das nächste Stadium der Revolution begann mit neuerlichen Unruhen am 15. 5. in Wien. In der "Sturmpetition" von Nationalgarden, Studenten und Arbeitern in der Wiener Hofburg wurden die Zurücknahme der "oktroyierten Verfassung" vom 25. 4. und die Einberufung eines konstituierenden Reichstags mit allgemein, direkt und frei gewählten Abgeordneten gefordert. Nach Straßenkämpfen wurden in der Nacht vom 15. auf den 16. 5. diese Forderungen bewilligt. Kaiser Ferdinand I. und die kaiserliche Familie flohen am 17. 5. nach Innsbruck. Tumulte der Studenten führten am 24. 5. zur Schließung der Universität und am 26. 5. wieder zu Barrikadenkämpfen in Wien, ausgelöst durch den Plan einer Auflösung der Akademischen Legion. Die Regierung musste neben der Legion auch die Bildung eines Sicherheitsausschusses, bestehend aus Bürgern, Nationalgardisten und Studenten, gestatten, der nach Abzug des Militärs für einige Zeit eines der Machtzentren in Wien wurde. Den unter dem Studenten A. Willner gebildeten "Arbeiterkomitees" gelang es, soziale Forderungen durchzusetzen (10-Stunden-Arbeitstag, Lohnerhöhungen, Gründung des "Ersten österreichischen Arbeitervereins" usw.).

Auch in Prag spitzte sich die Lage zu: Einerseits versuchten konservative Bürokraten, die Wirren in Wien zur Stärkung der Position Böhmens innerhalb der Monarchie zu nutzen, andererseits griffen im Prager "Pfingstaufstand" tschechische und deutschsprachige Revolutionäre zu den Waffen; ihr Aufstand wurde von der Armee unter A. Windisch-Graetz blutig unterdrückt. In der Rückschau stellt sich diese Aktion des Fürsten als Beginn des Wiedererstarkens der restaurativen Kräfte in Österreich dar.

Am 26. 6. kam Erzherzog Johann als Vertreter des Kaisers nach Wien, konnte diese Position wegen seiner Berufung als "Reichsverweser" nach Frankfurt aber nicht in der gewünschten Weise ausfüllen. Er betraute A. Doblhoff-Dier am 8. 7. mit der Bildung eines vorwiegend demokratisch gesinnten Ministeriums und eröffnete am 23. 7. den konstituierenden Reichstag. Dort beantragte H. Kudlich am 26. 7. die schon vorher im Prinzip zugestandene Aufhebung der bäuerlichen Untertanenlasten, die am 7. 9. beschlossen und vom Kaiser sanktioniert wurde. Durch diesen großen sozialen Erfolg wurde die Bauernschaft, die an der Revolution fast gar nicht beteiligt war, für die Krone gewonnen. Auch in Italien bekam nach dem Sieg Radetzkys über die sardinischen Truppen bei Custozza (25. 7.) die österreichische Staatsmacht die Oberhand und gewann die Lombardei zurück. Am 12. 8. kehrte der Hof nach Wien zurück.

Vom 21. bis 24. 8. stand Wien erneut im Zeichen eines Aufstands, weil die Löhne für weibliche und jugendliche Erdarbeiter herabgesetzt worden waren. Die Stadtgarde konnte die Ruhe ohne militärische Hilfe wiederherstellen, doch gab es 22 Tote und mehr als 300 Verwundete. Der Sicherheitsausschuss löste sich nach der "Praterschlacht" selbst auf. Arbeiterunruhen ereigneten sich auch in anderen industriellen Zentren; selbst in Ungarn begehrten die Landarbeiter auf. Mittlerweile führte der Reichstag seine Beratungen zur Ausarbeitung einer Verfassung fort, entfernte sich jedoch dabei immer mehr von den Grundlagen des langsam wieder aufstrebenden monarchischen Prinzips. Die sich krisenhaft zuspitzende Lage in Ungarn wirkte auf Österreich zurück, am 6. 10. kam es in Wien wieder zu Kämpfen, und mit der Oktoberrevolution in Wien fand die Revolution in Österreich ihren Höhepunkt. Deren Niederschlagung brach jedoch den revolutionären Impetus, auch wenn sich das aus der Revolution entstandene konstitutionelle Element noch einige Zeit hielt. Der Reichstag versammelte sich in Kremsier, wo er im Winter 1848/49 die Verfassungsberatungen weiterführte und nahezu abschloss (Kremsierer Reichstag). Am 7. 3. 1849 wurde der Reichstag aufgelöst und von Kaiser Franz Joseph I., der nach dem Rücktritt seines Onkels Ferdinand I. am 2. 12. den Thron bestiegen hatte, eine neue, zentralistische, auf dem Boden des monarchischen Prinzips stehende Verfassung oktroyiert. Der Auflösung des Reichstags folgten keinerlei revolutionäre Aktionen. Zu einer solchen kam es lediglich im Mai 1849 in Prag, sie blieb jedoch isoliert und wurde rasch niedergeschlagen. Mit der Kapitulation in Ungarn und Venedig im August und September 1849 endete die Revolution in Österreich endgültig.

Ihre besonderen Kennzeichen und zugleich die Gründe ihres Scheiterns waren das Fehlen einer programmatischen Konzeption, einer zielbewussten Führung sowie von Persönlichkeiten, die die gewonnenen Rechte und Freiheiten zu verteidigen imstande waren. Dazu kam, dass sich die bürgerlich-liberalen Kreise und die Bauern bald von der revolutionären Masse in Wien distanzierten. Dennoch machte die Revolution den Weg zu einer Verfassungsänderung frei, und nach einer Periode des Neoabsolutismus erhielt in den 60er Jahren die Habsburgermonarchie eine konstitutionelle Verfassung. Das wichtigste unmittelbare Ergebnis der Revolution war die Bauernbefreiung und damit die Schaffung einer einheitlichen, die gesamte Bevölkerung umfassende Staatsbürgergesellschaft, weiters die Auflösung der feudalen Struktur, die mit einer Modernisierung des Verwaltungswesens mit Gemeinden, Bezirksverwaltungen und einem staatlichen Gerichtswesen verbunden war.


Literatur: A. Novotny, 1848, 1948; R. Kißling, Die Revolution im Kaisertum Österreich, 1948; M. T. Wanderer, Revolutionsstürme Achtundvierzig, 1948; W. Pollak, 1848 - Revolution auf halbem Weg, 1974; W. Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung, 1979; P. Urbanitsch, 1848/49: Ende und Anfang, in: H. Kudlich und die Bauernbefreiung in Niederösterreich, 1983.


Verweise auf andere Alben:
Briefmarken-Album: 1000 Jahre Ostarrichi - Maria Theresia, Joseph II

 
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